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BUSINESS MIT DER GÄNSEHAUT

January 31, 2017

 

Die Fußball-EM ist das drittgrößte Sportevent der Welt, nach Olympischen Sommerspielen und Fußball-Weltmeisterschaften, wenn es um TV-Zuschauerzahlen geht. Acht Milliarden Menschen verfolgen die Spiele in Frankreich und machen aus dem Sport eine Show.

 

 

Das Stadion in Toulouse ist schmuck und fein, 30.000 Zuschauer passen in die Heimstätte des lokalen TFC, der in der ersten französischen Liga herumkrebst, nicht absteigen, aber auch keine Ambitionen nach vorne hegen kann. Spanien gegen Tschechien steht auf dem Spielplan der Fußball-EM an jenem 13. Juni 2016, und wenn man in das Stadion tritt, sich am Spielfeldrand befindet, dann ist es urplötzlich da, dieses Gänsehautfeeling. Man blickt in einen gelb-rot oder weiß-rot-blau gefärbten Oval, hört die Sprechchöre und den Singsang der Fans und weiß von einer Sekunde von der anderen wieder, um was es eigentlich geht, was das Wesen der Veranstaltung ist:  um Fußball, dem schönsten Spiel der Welt.

 

Haben wir immer schon gewusst, höre ich den Leser und die Leserin sagen, und selbstverständlich haben Sie auch Recht. Doch hinter der Fußball-EM befindet sich eine Maschinerie, die jedes Detail minutiös plant: von  Tätigkeiten für die diversen Sponsoren – beispielsweise die Übergabe der „man of the match“-Trophäe, gestiftet von einem dänischen Bierhersteller, die Stadion-Tour für Gäste eines amerikanischen Brausegetränks -, der gebührende Empfang der VVIPs und VIPs, die in mehreren Kategorien unterteilt sind, die Unterstützung der Medienvertreter und insbesondere der „UEFA Broadcast Partner“, jener Fernsehsender, die die Rechte der Europameisterschaft erworben haben und dafür tief in die Tasche greifen. ARD und ZDF zahlten für die Rechte in Deutschland beispielsweise 180 Millionen Euro.

 

An jeder der zehn Austragungsorte befasst sich ein lokalen Organisationsteam von 50 und mehr Personen um die verschiedenen Projekte: Logistik und Transport, Infrastruktur und Technologie, Marketing und VIP-Betreuung,  Broadcast und Medien, Akkreditierung und Sicherheit. Und so weiter. Die Vorbereitungszeit nahm Monate, nein: Jahre, in Anspruch.

Und während all dieser Zeit hat man den Eindruck, dass es um was anderes als um Sport geht. Dass man in der Organisation für die nächste „World Expo“ arbeitet, oder für das nächste „World Global Forum“.  Alles sehr nüchtern und fast emotionslos. Fußballspiele? Ja, irgendwann.

 

Erst wenn das Stadion in die richtigen Kleider gehüllt wird, wenn Transparente, Banner, Plakate angebracht werden, kommt EM-Stimmung auf. Erst wenn das Eröffnungsspiel aus dem Stade de France über die Bildschirme im Medienzentrum von Toulouse flimmert, wird einem klar, dass die Show im Namen des Sports geschieht. Doch erst wenn man selbst in die das Team und sich selbst zelebrierenden Menschenmassen blickt, kommt die Gänsehaut.

 

Die Fußball-EM hat sich gewandelt. Beim ersten Finalturnier 1960 waren vier Mannschaften dabei, es siegte die Sowjetunion, 2016 waren es 24. Die Zeit hat sich gewandelt, und auch wenn es von 50, 60 Jahren schon Bestechungen und Spielabsprachen gegeben haben wird, so ist das Phänomen der Wettspielmanipulation gerade in Zeiten des Online-Bettings rasant gestiegen. Declan Hill, einer der renommiertesten investigativen Journalisten in diesem Bereich, verweist in seinem Blog auf die Gefahr des „Gijon“-Phänomens (als sich bei der WM 1982 Deutschland und Österreich auf ein für beide Seiten genehmes Resultat verständigten) gerade in den letzten Spielen der Vorrunden. Allein Wettquoten zu beobachten reicht nicht aus, um Betrügereien aufzudecken, meint Hill. Man entdeckte Insiderhandel ja auch nicht allein durch steigende oder fallende Aktienkurse.

 

Ein Business, so auch das Sport-Business, lebt von der Aktualität und von der Perspektive. Die Fußball-EM scheint am oberen Plafond angekommen zu sein. Von 54 Mitgliedverbänden der UEFA sind 24 in Frankreich dabei.  Mehr ist nicht möglich – außer, provokant formuliert, man verzichtet auf die Qualifikation. Marketingmaßnahmen können immer noch weiter ausgereizt werden, TV-Rechte immer noch teurer verkauft werden. Doch dann muss das Produkt immer besser werden und immer mehr „hergeben“.  Je besser die Teams, umso größer der Zuspruch und die Unterstützung der Fans, umso besser die Show und das Produkt. Der Kreis schließt sich. Und die Gänsehaut ist wieder da.

 

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