GEMEINSAM IM GESCHÜTZTEN RAUM

Mein erstes Jahr in der (selbst ausgerufenen) Midlife-Crisis geht dieser Tage zu Ende, in rund eineinhalb Monaten werde ich 50. Der Sport-Virus hat mich gepackt, und wie es scheint, werde ich ihn so schnell nicht mehr los.

Thomas, Natascha, Dietmar, Werner, Egon, Rudi (v.l.)

Mein Arbeitsplatz war in den vergangenen Wochen und Monaten ein Spiegelbild meiner zerrissenen Seele. Laptop in der Mitte des Tisches, rechts Unterlagen und Notizblöcke, links Sport-Uhr, Brustgurt, Stirnlampe, Akkus. Und in meinem Kopf lief ein Countdown nach dem anderen: das nächste Mal Laufen in zehn Stunden, in neun, in acht. Die Arbeit, die mir prinzipiell sehr viel Freude bereitet, sie wurde im November und Dezember zuweilen zu einem notwendigen Übel. Konzentriere dich jetzt und belohne dich dann, sagte ich mir. Noch sieben Stunden, noch sechs.

Beruflich war 2017 ein erfolgreiches Jahr, mit einigen schönen Büchern, und noch wichtiger, mit einigen sehr schönen Begegnungen und Erfahrungen. Wann hat man den Gelegenheit, einen dermaßen erfolgreichen Unternehmer wie Leo Hillinger näher kennen zu lernen? Wann darf man denn mit einem Expertenteam aus Ärzten, Ernährungsberatern und Mentaltrainern ein Gesundheitsbuch verfassen? Und wie schön ist es denn, wieder ein Radsportbuch aus dem Französischen in das Deutsche übersetzt zu bekommen und es herausbringen zu dürfen?! Die Arbeiten für 2018 haben auch bereits begonnen, mit einigen interessanten Projekten – doch die Kolumne nennt sich „Egon läuft“ und nicht „Egon schreibt“, weswegen ich die berufliche Klammer gerne wieder schließe.

Andere berichten zu Jahresende, wie viele Kilometer sie gelaufen und wie viele Höhenmeter sie bezwungen haben, und auch mir würde es in den Fingern jucken, mich diesem Trend anzuschließen. Ist es doch schön, in den sozialen Medien Zuspruch zu erfahren und die eigenen Daten mit jenen anderer zu vergleichen. Von Zeit zu Zeit mache ich es auch, weil es einfach befriedigend ist zu schreiben – was für ein Paradoxon! - wie sehr man sich in den vergangenen Tagen fertig gemacht hat. 137 Kilometer, 3136 Höhenmeter an den ersten zehn Dezember-Tagen! Cool. Geil. Krass.

Ich bin süchtig nach Laufkilometern und Höhenmetern und dennoch machten nicht die Zahlspielereien meine Glückseligkeit 2017 aus, sondern ganz andere Aspekte. Als Läufer erschloss ich mir einen geschützten Raum, in dem die Arbeit aber sowas von bedeutungslos ist, dass ich als bekennender Workaholic staune, solche Worte zu Papier bringen zu können. Und ich fand Personen, bei denen nur eines zählt: gemeinsam zu laufen.

Unter all jenen mit denen ich unterwegs war, mit Erwin und seiner Gang des ULT Heustadlwasser, oder mit Wolga und seinen Wiener Laufvagabunden, oder mit Jean Marie und den „Frühlauftreff rollover Schönbrunn Do 6:30Uhr“-Kumpanen, habe ich mich besonders mit fünf "Trailrunning Vienna"-Mitgliedern angefreundet. Wenn ich bei den Lauf-Ausschreibungen sah, dass die meisten von ihnen dabei waren, musste ich mich anschließen – egal, was mein Trainingsplan gerade sagte. Dies hatte zur Folge, dass Mag. Bernhard Koller-Zeisler vom Österreichischen Institut für Sport-Medizin, kurz ÖISM, Wochen mit sieben, acht Trainingsstunden plante, und ich elf, zwölf Stunden „ablieferte“. Die Gespräche darüber werden uns wohl auch im neuen Jahr begleiten.

Aber zurück zu jenen, die ich als meine Lauffreunde und Mentoren bezeichne. Jene, die nichts verlangen und nichts wollen, die sich einfach nur freuen, wenn ich dabei bin, und denen es nichts ausmacht, wenn ich es nicht bin. Sie saugen keine Kraft und Energie ab, mit ihnen kann ich plaudern und blödeln, laufen und keuchen, schweigen und schwitzen. Alles kann, nichts muss geschehen. Werner ist der Anführer, Südtiroler wie ich, und ihm würde ich über die Klippen eines Abgrundes hinaus folgen im Wissen, dass alles gut laufen wird. Rudi ist dem Radsport genauso verfallen wie dem Laufen (und der Metal-Musik). Dietmar wünscht sich ein paar Kilogramm weniger und läuft mir davon, wie immer es ihm gefällt. Thomas agiert ohne Rücksicht auf Verluste, Hindernisrennen oder Ultraläufe, Hauptsache lang und anstrengend. Und Natascha ist der gute, schnelle Geist dieser Gruppe, freundlich, empathisch, intelligent.

Es sind diese Charaktere, die mich an der Hand nahmen, als ich mich dem Trailrunning näherte. Viele andere Namen folgten, und es war spannend, die herausragenden Leistungen von Sportlerinnen und Sportlern zuerst auf Facebook zu verfolgen und die Personen zu einem späteren Zeitpunkt kennenzulernen. Und ein paar Kilometer gemeinsam laufen zu dürfen, wie mit Claudia, Anne, Michael, Stefan, Diana, Patrizia oder Emmanuelle beispielsweise – allesamt „unsung heroes“.

Emmanuelle spornte mich zu meiner schnellsten 1-km-Zeit 2017 an - danke nachträglich!

In wenigen Wochen werde ich 50. Ich kokettiere mit meiner Midlife-Crisis und erkläre sie noch nicht für beendet. 2018 wird nicht nur beruflich, sondern auch sportlich eine Herausforderung. Doch wenn ich weiterhin mit all jenen laufen kann, mit denen ich mich wohl fühle, dann wird das neue Jahr, mit einem Wort: phantastisch.

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