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PERRY, TISCHTENNIS, TENNIS

January 20, 2018

Am anderen Ende der Welt kämpfen derzeit die weltbesten Tennisspieler bei den „Australian Open“, der Österreicher Dominic Thiem steht dabei im Achtelfinale. Wissen Sie, wie viele Akteure  jedes Grand Slam-Turnier in ihrer Karriere zumindest ein Mal gewinnen konnten? Es sind nur deren acht: Fred Perry, Donald Budge, Roy Emerson, Rod Laver, Andre Agassi, Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic.

Fred Perry (Bild aus den 1930er Jahren) war der erste Tennisspieler, der sich einen Namen in Hollywood machte. Fred Perry war der erste Tennisspieler, der alle vier Grand-Slam-Turniere im Laufe seiner Karriere gewann, zuvor aber schon Tischtennis-Weltmeister geworden war. Fred Perry war der erste Tennisspieler, der seine eigene Modelinie kreierte. Und Fred Perry war auch der erste Wimbledon-Champion, der aus der Arbeiterklasse kam und er war der Erste, der auf dem Tennis-Court entgegen dem Usus in den dreißiger Jahren psychologische Tricks benutzte, um einen persönlichen Vorteil zu ziehen.

 

„Ich war das dreckige Arbeiterkind, das ihr weißes Tennis beschmutzte“, sagte er einmal über sich selbst und nicht ohne Stolz. Bei seinem ersten Wimbledon-Sieg 1934 wurde ihm die Krawatte des All England Lawn Tennis Clubs, die jeder Sieger bekam, nicht verliehen, sondern einfach in die Umkleidekabine gehängt. Perry versuchte trotz der ihm entgegen gebrachten Abneigung, oder gerade deswegen, jenen Leuten zu gefallen, die ihn ablehnten. Er wollte unbedingt zur High-Society gehören. Dieser tief verwurzelte Wunsch zieht sich durch sein ganzes Leben.

 

Erst als er Mitte der dreißiger Jahre in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte, 1938 die US-Staatsbürgerschaft annahm und sich mit Stars aus Hollywood umgab, hatte er sich diesen Traum erfüllt. Er war drei Jahre lang der beste Spieler der Welt gewesen, die unumstrittene Nummer eins. Er war in Hollywood mit Stars wie Marlene Dietrich oder den Marx Brothers befreundet. Er gehörte dazu.

 

Aber ohne Tennis hätte er das nie geschafft. Und vor allem ohne den ersten Wimbledon-Titel 1934. Am 7. Juli schrieb der Daily Mirror in riesigen Lettern: „Perry ist der Tennis-Weltmeister. Der Titel ist nach 25 Jahren nach Hause zurückgekehrt.“ Ein Vierteljahrhundert lag zwischen Perrys eindrucksvollem 6:3, 6:0, 7:5 über den Australier Jack Crawford und dem Sieg von Arthur Gore. Perry sagte damals: „Und wenn ich hundert Jahre alt werde, so gut werde ich niemals wieder spielen.“ Danach war er endgültig ein Nationalheld. Zumindest für die Öffentlichkeit.

 

Erst mit 18 Jahren hatte dieser Fred ernsthaft begonnen, Tennis zu spielen. Sieben Jahre später war er bereits der Größte.

 

Was Perrys Spielstil auszeichnete, war, dass er den so genannten kontinentalen Stil bevorzugte, der heute ausgestorben ist. Dieser Continental Style, den auch die Franzosen Henri Cochet und René Lacoste verwendeten, hatte den Vorteil, dass bei keinem Schlag ein Griffwechsel vorzunehmen war. Vor- und Rückhand wurden ebenso mit dem Einheitsgriff gespielt wie der Aufschlag oder ein Smash. Zudem waren Spieler, die diesen Stil beherrschten, in der Lage, den Ball bereits im Aufsteigen und für damalige Zeiten extrem früh zu nehmen und so mit mehr Speed und extrem flach zu spielen. Seine Vorhand war das Beste, was es zu dieser Zeit gab.

 

Für einen Spielstil wie ihn Perry praktizierte, benötigte man ein extrem belastbares Handgelenk. Genau darüber verfügte er.

 

Das war eine Folge seiner „Tischtennis-Zeit“. Denn seine ersten Meriten in der internationalen Sportwelt erwarb sich der am 18. Mai 1909 in Stockport geborene Frederick John Perry im Tischtennis. Fred versuchte sich in allen Sportarten, er spielte in der Abwehr für das Ealing County School-Fußballteam und für das Cricket Team, aber am besten war er im Tischtennis. „Ich machte im Haus alle verrückt, weil ich abends den Küchentisch an die Wand schob, ein Netz aufstellte und stundenlang den kleinen Zelluloidball an die Wand knallte“, erinnert sich Perry in seiner 1984 erschienenen Autobiografie. „Da der Ball ja ständig zurückkam, entwickelte ich bald ein gutes Gefühl.“ Und Fred hatte nie einen Trainer – er gewöhnte sich beim Tischtennis einen Einheitsgriff an, den er nie wieder änderte. Auch nicht, als er später Tennis spielte.

 

1924 kam er erstmals mit dem damals als elitär verschrienen Sport in Berührung. Eines Abends kam Fred viel zu spät nach Hause – die Familie weilte auf Urlaub in Eastbourne – und sein Vater Sam tobte und fragte, wo „zur Hölle“ er gewesen sei. Perry: „Ich sagte: Ich bin im Devonshire Park gewesen, wo die Leute in feinstem weißen Zwirn herumgelaufen sind und Tennis gespielt haben. Und da standen eine Menge teurer Autos. Gehören die eigentlich den Leuten, die spielen, oder denen, die zuschauen?“ Freds Vater antwortete: „Die meisten gehören denen, die spielen.“ Das war die Initialzündung zu Freds Liebe zum Tennis. Solch ein Auto wollte er haben, solch feinen Zwirn wollte er tragen und zu ihnen gehören.

 

Dieser Text ist dem Buch „Grand Slam“ (erschienen 2010, aktualisiertes E-Book 2017 ) von Thorsten Medwedeff entnommen.