"GANDI, DU PFEIF‘N"

Am 12. Februar 1998, heute vor 20 Jahren, gewann Markus Gandler die erste Olympia-Langlaufmedaille für Österreich. In Nagano war der Tiroler nur unwesentlich langsamer als Superstar Björn Daehlie. Gandlers Trainer war der damals hoch geschätzte Walter Mayer.

Meine Frau Gerlinde und ich waren schon drei Tage vor Ankunft der Mannschaft in Hakuba, wo die Langlaufbewerbe ausgetragen wurden, eingetroffen. In unserem Gepäck befand sich ein gesamtes Sortiment an Lebensmitteln, denn wir wollten nichts dem Zufall beziehungsweise Sushi und Sake überlassen. Insgesamt brachten wir 1,3 Tonnen Gepäck an Materialien, Ski, Nahrung usw. mit. Dann machten wir uns daran, die vom Österreichischen Skiverband gemieteten Reihenhäuser umzubauen und auf westlichen Lebensstandard zu adaptieren. Immerhin mussten wir in diesen drei Wochen hier leben, und wir wollten, dass sich Sportler, Betreuer, Serviceleute wie daheim fühlten.

An jenem Tag, an dem die Mannschaft in Hakuba eintraf, lernte ich einen Japaner kennen, der zwei Jahre in Deutschland gearbeitet hatte und der als Olympia-Freiwilliger in Hakuba im Einsatz war. Er half uns, Koffer zu schleppen, nachdem unser Langlaufreferent Dieter Böhm an diesem Tag nicht mitarbeiten konnte oder wollte. Mit dem Japaner trank ich jedenfalls zwei Gläschen Schnaps (was ausreichte, um ihn in einen angesäuselten Zustand zu versetzen), und Gerlinde tischte ihm eine anständige österreichische Jause auf. Da wurde er gesprächig und erzählte, dass er Bauer sei und die Meteorologie seine große Leidenschaft. Später verabschiedete sich mein neuer schlitzäugiger Freund, indem er mir versprach, mich täglich anzurufen und mich über die Wetterprognosen auf dem Laufenden zu halten: „Ich immer sagen Dir wie kommen Wetter!“ Und so war es dann auch. Während der nächsten drei Wochen habe ich ihn nie wieder zu Gesicht bekommen, aber täglich, wie versprochen, zwischen sechs und sieben Uhr früh am Telefonhörer gehabt. Sogar dann, als ich nicht abheben wollte: der Japaner ließ es einfach so lange läuten, bis ich das Geklingel nicht mehr aushielt und abhob.

Was wir in Nagano auch mit großer Genugtuung zur Kenntnis nahmen, war, dass der Stellenwert der Langläufer nicht nur im ÖSV, sondern auch darüber hinaus gestiegen war. So erhielten wir alle nur erdenkbare Unterstützung von Franz Schellhorn, dem Salzburger Leiter des Österreicher-Hauses in Hakuba, das von der österreichischen Wirtschaft finanziert wurde. Was wir an Lebensmittel brauchten, konnten wir uns von dort organisieren, und sogar auf das Vollkornbrot, das ein österreichischer Bäcker ofenfrisch herstellte, zurückgreifen. Als Schellhorn in Erfahrung brachte, in welch kleiner Küche Gerlinde für unser aller Essen zu sorgen hatte, stand es für ihn außer Frage, dass die Serviceleute im Österreicher-Haus ihre Mahlzeiten einnehmen konnten und sich meine Frau ganz auf die Sportler konzentrieren sollte. Es kam zu einem vorhersehbaren Eklat. Denn der Österreicher-Treffpunkt, in dem die High Society sich zu begegnen pflegte, in dem Spitzenpolitiker wichtiger waren als Spitzensportler, in dem Adabeis ihr Unwesen trieben, musste einmal die selbsternannte Prominenz warten, weil alle Tische belegt waren. Und sie rebellierte. Schellhorn konnte, wenn er wollte, auch ruppig sein, und fragte diese Gruppe: „Wer glaubt ihr, ist wichtiger? Ihr oder die Sportler? Ich sag’s euch: die Sportler, und jene, die für das richtige Material für unsere Athleten sorgen.“

Das 30-km-Rennen bestritt von den Österreichern lediglich Gerhard Urain, der bei schwierigen Verhältnissen nur 43. wurde. „Burschen, bleibt ruhig, über die zehn Kilometer schlagen wir zu“, sagte ich meinen Sportlern mit dem Brustton der Überzeugung von jemandem der weiß, nicht irren zu können.

So war es dann auch. Wir platzierten drei Langläufer unter den ersten 14, vier unter den besten 23. Achim Walcher war schwächster unserer Nation, weil er mit einem verwachsten Ski lief. Gerhard Urain wurde 14., Alois Stadlober Zwölfter. Und Markus Gandler, jener Gandler, den Toni Innauer fünf Jahre zuvor am liebsten eliminiert hätte, der schon auf der Abschussliste des Skiverbandes stand, zu dem eigentlich niemand mehr Vertrauen hatte – außer ich, haha! -, dieser Markus Gandler wurde Zweiter! Zweiter hinter Weltstar Björn Daehlie, geschlagen nur um läppische acht Sekunden.

Und dennoch. Als ich im Zielraum auf die Anzeigetafel schaute, den knappen Rückstand sah, schoss es mir durch den Kopf: der Trott’l hätte das Rennen auch gewinnen können. „Gandi, Du Pfeif’n“, sagte ich ihm. „Stell’ dir vor, Du wärst anständig weggelaufen, dann wärst Du jetzt Olympiasieger.“ Der Tiroler war ein bekannter Schnellstarter, der sich zwischen Kilometer eins und einskommasechs immer unter den ersten drei befand, sogar dann, wenn er eine schlechte Form hatte. In Hakuba, beim Rennen seines Lebens, war er nach 1600 Metern Achter, 16 Sekunden hinter Daehlie zurückliegend. Sekunden, die ihm im Ziel fehlten. Hätte die Konkurrenz zwei Kilometer länger gedauert, wäre Gandler ganz sicher Olympiasieger geworden, und bei fünf Kilometern mehr hätte er die Weltklasse deklassiert.

Wie oft bin ich später darauf angeredet worden: Wie kann man einen eigenen Sportler Pfeif’n schimpfen? Wie kann man einen Silbermedaillengewinner bei Olympischen Spielen dermaßen beleidigen? Die Erklärung ist ganz einfach. Der Satz, „Gandi, Du Pfeif’n“, war nicht künstlich, er kam aus dem Alltag. Er spiegelt die besondere Zusammenarbeit, das harmonische Klima in der Mannschaft wider. Wenn der Satz aus dem Mund eines Außenstehenden kommt, dann ist er negativ zu werten. Wer die Zusammenhänge nicht kennt, wer nicht von unserem gemeinsamen Kampf um Ruhm und Ehre und Ansehen weiß, der findet den Ausspruch krass, der hält mich für einen arroganten Typen oder „wilden Hund“.

Bevor ich diesen Satz sagen durfte, hatte ich ein überaus schweres Rennen zu erleben. Es begann bereits am Vortag, als bei der Mannschaftsführersitzung die Meldungen abgegeben worden waren, dann jedoch die Startreihenfolge geändert wurde. Normalerweise läuft die schwächste Gruppe als erste, dann die zweite, dann die dritte, zuletzt die besten 30 des Weltcups, die sogenannte Rote Gruppe. Doch die Startreihenfolge kann geändert werden, wenn es atmosphärische Bedingungen verlangen. So war in Hakuba beschlossen worden, dass die dritte (also zweitbeste) Gruppe als erste starten solle, dann die Rote Gruppe, dann die zweite, zuletzt die erste. Markus Gandler war in der dritten Abteilung gesetzt gewesen, hätte also bei einsetzendem Schneefall eine stumpfe, langsame Spur gehabt. Ich protestierte gegen diese Entscheidung, weil ich wusste, dass Gandler Chancen auf eine Medaille hatte. Bei der Teamführersitzung verlangte ich also, dass ich die Startreihenfolge meiner Leute ändern dürfte. Was üblicherweise nicht mehr möglich ist, drückte ich in Japan bei der Jury durch, setzte Gandler in die dritte, Achim Walcher in die erste Gruppe. Teilnehmer andere Nationen, die sich zuvor ruhig verhalten hatten, taten es mir gleich und änderten die Startreihenfolge ihrer Sportler.

Wenige Stunden später, um 6.15 Uhr, läutete das Telefon. „Jetzt ruft mein Bekannter schon wieder an“, schoss es mir durch den Kopf, begrüßte dann ganz freundlich meinen persönlichen japanischen Meteorologen, den ich vor Beginn der Spiele kennen gelernt hatte. „Heute Wetter sein sehr kompliziert“, sagte er mit seinem gebrochenen Deutsch, „ich sage bitte testieren Sie. Viele testieren, weil es werden sehr sehr warm. In Tokio plus 20 Grad.“ Er meinte, dass wir viele Ski testen sollten, ein Grinsen konnte ich mir dennoch nicht verkneifen: wir sitzen hier in Hakuba, du Witzbold, und nicht in Tokio. Ich verabschiedete mich freundlich, nahm sein „Viele Glück“ entgegen und hatte das Telefonat fast schon wieder vergessen.

Mein Aufgabenbereich am Tag des 10-km-Rennens war ein rein organisatorischer. Ich war für den Sportlertransport zuständig, dann dafür, dass unsere Leute bei der Vorstart-Dopingkontrolle termingerecht erschienen, später sollte ich bei Kilometer sechs stehen und die Zeiten notieren. Als ich mit den Langläufern in das Skistadion einfuhr, hatte es minus sieben Grad Celsius und es lag Pulverschnee. Und es rief Peter Elstner vom ORF an, der mich mit seinem üblichen „Servus Woit“ (woher er das hat, ist mir bis heute unklar) begrüßte, und sich über die letzten Neuigkeiten informierte. Zuletzt wies er mich darauf hin, dass die Abfahrt aufgrund eines totalen Nebeleinfalls erneut abgesagt wurde. Die Piste befand sich nur wenige Kilometer von der Loipe entfernt, und von dort wurde eine „feuchte Suppe“ gemeldet. „Es wird bald zu regnen anfangen“, meinte Elstner noch, und fügte als Kenner der Langlaufszene an: „Ihr müsst beim Wachsen aufpassen.“

Eine Stunde vor dem Start hatte es immer noch minus sieben Grad. Ich fragte Alois Stadlober, ob er einen Klisterski hergerichtet habe und wachste diesen für Mischverhältnisse. Klister ist ein dickflüssiges Wachs, das am besten für nasse Verhältnisse geeignet ist. Ich ließ die anderen ihre Arbeit verrichten, trug allerdings die Klisterwachskiste nach draußen, nachdem diese von den Wachsleuten in der Hütte gelassen worden war. Dann wartete ich ab und beobachtete. Ich sah, dass es zwar kalt blieb, dass es aber immer feuchter wurde. Diese Feuchtigkeit wurde vom Schnee angenommen. In der Zwischenzeit lief Alois Stadlober den von mir präparierten Ski, kam zurück und meinte, dass er nicht schlecht sei, derzeit aber noch etwas picke. „Wir müssen ihn jedenfalls im Auge behalten“. Ein Satz, eine Warnung für alle anderen.

Als ich mich endlich auf dem Weg zur Zeitnehmung bei Kilometer sechs machte (ich war ohnehin schon zu spät dran), starteten bereits die ersten Sportler. Ich ging weiter, als ich bemerkte, dass beim ersten Anstieg ein US-amerikanischer Sportler nur mit Doppelstockeinsatz vorwärts kam, wo doch auch im Diagonalschritt zu laufen möglich gewesen wäre. Es war ein Zeichen, dass er keinen Halt hatte und nur rutschte. Ich grinste vor mich hin und dachte: „Aha, haben wir verwachst?“ Gleich darauf blickte ich wieder auf die Loipe, und sah einen Schweden nur mit Doppelstockeinsatz vorwärts kommen. Ein Schauer lief mir über den Rücken, denn ich wusste: irgendetwas kann da nicht stimmen. Ich funkte Franz Weingartner an, der bei Kilometer 1.8 stand. „Hier ist die Spur griffig“, sagte er, „und vorbeigekommen ist noch niemand.“

Seine Auskunft war mir zu wenig. Ich sprintete auf kürzestem Weg zur Spur, durchbrach Absperrungen, missachtete Anweisungen der Ordner und griff in die Loipe. Es war sonderbar. Obwohl es Minusgrade hatte, befand sich eine feuchte Eisschicht über der Spur. Mit Trockenwachs zu laufen war somit definitiv ausgeschlossen. Ich funkte in den Zielbereich, nicht um fünf vor Zwölf, sondern fast schon Zwölf, und sagte: „Es ist heute nicht eine Frage von Klister oder nicht Klister, es ist nur eine Frage, wie dick und für welche Wärmegrade der Klister aufgetragen sein muss.“ Alle anderen Entscheidungen überließ ich meinem Team. In Momenten wie diesen war unsere große Maschinerie, unser gegenseitiges Vertrauen, die Chemie in der Mannschaft, greifbar. Man glaubte mir und meiner Durchsage, ich vertraute jenen, die nun die Ski neu zu präparieren hatten. Weil Markus Gandler nach (und nicht vor) der Roten Gruppe gestartet war, blieb ihm noch genügend Zeit, um mit Klisterski ins Rennen zu gehen.

Er war, ganz entgegen seinen Gepflogenheiten, extrem langsam gestartet. Er wusste, dass bei Kilometer sechs ein schwerer Anstieg kam, der schwerste, den er im Weltcupcircuit kenne, wie er später sagte. Der Tiroler war auf Latten unterwegs, die eigentlich gar nicht in Japan hätten sein dürfen. Gandler hatte sie instinktiv eingepackt und sich vom damaligen Servicemann Alois Schwarz dumm anreden lassen müssen: „Was willst Du denn mit diesem Zeug bei den Olympischen Spielen!?“ In der Tat war der Ski vorher und nachher nie richtig gelaufen, in Hakuba tat er jedoch seinen Dienst. Hinzu kam, dass Gandlers Technik, die auf kurzen Schritten basierte, den unfreundlichen Witterungsbedingungen entgegenkam. Und letztendlich lief Markus Gandler an diesem Tag über seinen Verhältnissen.

Diese Mixtur brachte ihn acht Sekunden an einen Olympiasieg heran, und wenn ich daran zurückdenke, dann ärgere ich mich über diesen Umstand genauso, wie ich mich über meinen knapp verpassten Wasalauf-Sieg 1992 ärgere. So nah dran sein, und dann nur Zweiter werden. Zweiter im Wasalauf. Zweiter bei Olympischen Spielen. Sicher, das klingt alles ganz schön – aber irgendwie silbrig-holprig und nicht goldig.

Ich freute mich mit meinem Sportler, der so viel für das Mannschaftsklima getan hatte, der in all den Jahren zuvor eine wertvolle Stütze im Team war. 600.000 Zuschauer in Österreich hatten das Rennen (das eigentlich gar nicht live geplant worden war) im Fernseher verfolgt, da die vorgesehene Abfahrt abgesagt werden musste und sahen Gandler aus der Anonymität der Langlaufmasse hervortreten. Wir hatten ein Ausrufezeichen gesetzt. Und was für eines.

Walter Mayer (Bild von Alois Furtner) war Trainer des Österreichischen Skiverbandes, als rot-weiß-rote Sportler und Sportlerinnen in Nagano 1998 und Ramsau 1999 Siege und Medaillengewinne feierten. Obiger Text stammt aus seiner vergriffenen Autobiographie „Von Pfeif’n und Trott‘ln“ (Styria-Verlag, 2000).

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