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IM SCHNEE VON GRENOBLE

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Heute wird der erfolgreichste Alpin-Skifahrer der DDR 80. Eberhard "Ebs" Riedel triumphierte u. a. im Riesentorlauf von Adelboden und war bei drei Olympischen Winterspielen mit dabei. Und erlebte mit, wie die DDR-Sportführung seinen Sport 1968 zur Bedeutungslosigkeit verdammte.

Im Sport zählen besonders Gegenwart und Zukunft. Die Olympischen Winterspiele in Grenoble: Das war, was 1968 für Eberhard Riedel, an der Schwelle zu seinem 30. Geburtstag, zählte. Seine Familie wuchs und gedieh, beide Söhne standen auch schon seit Jahren auf Ski, das – mit eigener Arbeitskraft – neu errichtete Heim in der Alten Poststraße in Oberwiesenthal war voll mit den Pokalen seiner Frau und seinen eigenen Auszeichnungen. Was fehlte, war die Krönung einer für ostdeutsche Verhältnisse ohnehin schon herausragenden Alpinen Laufbahn. Grenoble bot die nächste Chance, und dort konnte er in allen drei Disziplinen antreten. Die Qualifikationskriterien hatte „Ebs“ im Vorwinter mehrfach erfüllt. Gefordert waren Platzierungen unter den ersten sechs bei internationalen Rennen, bitteschön, bittesehr: in Kranjska Gora, in Saalbach, Saalfelden, Zell am See, in Grenoble selbst erreicht.

 

Doch vier Wochen vor Beginn der Spiele war wieder alles anders. Ende Januar waren die Olympiateilnehmer der DDR im Trainingszentrum Kienbaum bei Berlin kaserniert, wo unter anderem auch die Einkleidung über die Bühne ging. Während dieser Tage musste Eberhard Riedel auch im Generalsekretariat des Deutschen Ski-Läufer Verbandes antreten, um gesagt zu bekommen, wie die Planungen bis zu den Olympischen Winterspielen aussehen würden. Als er durch die Gänge schritt, drangen Gesprächsfetzen aus einem Nebenraum zu ihm durch: „Es ist ja ohnehin egal, was im Ski Alpin erreicht wird, diese Sportart scheidet ja aus unserem Olympiaprogramm aus.“ In einem ersten Moment realisierte Riedel nicht, was gemeint war. Im zweiten ging ihm ein Licht auf. Er machte sofort kehrt, marschierte zurück zum wartenden Bus und sagte dem Fahrer Neubert: „Lass das Auto an und uns nach Oberwiesenthal fahren. Ich will nicht mehr nach Grenoble.“ Doch noch ehe dieser Plan in die Tat umgesetzt werden konnte, stand ein Mitarbeiter des Generalsekretärs vor ihm. „Steig aus und komm mit hoch.“ „Warum sollte ich?“ „Weil wenn nicht, die letzte Chance, den Alpinen Skisport in der DDR doch noch zu retten, leichtfertig vertan wird.“ Bei aller inneren Erregung ließ sich Riedel durch diese Worte überzeugen.

 

Sehr vieles, was vor diesem Tag geschehen war, und was nach diesem Tag geschehen sollte, machte plötzlich Sinn. Deswegen also wollte ihn Manfred Ewald, Präsident des Deutschen Turner und Sport Bundes (DTSB), vor Jahren bewegen, doch in die Nordische Sparte zu wechseln und Kombinierer zu werden. Und war nicht auch das Gespräch zwischen DSLV-Generalsekretär Ludwig Schröter und Hans Senger, dem Trainer des Österreichischen Teams, ein Zeichen der Zeit? Senger war bei einem Barbecue anlässlich der WM 1966 gefragt worden, ob denn die DDR eine Skination wie Österreich werden könne. Der Mann aus Bad Gastein musste leicht lächeln und antwortete sinngemäß: „Nimm es mir nicht übel, aber so vermessen kann man ja gar nicht sein…“ Mit Underdogs hatte Senger so seine Erfahrungen gemacht; der ehemalige Spitzenläufer, der bei den Olympischen Winterspielen in Oslo 1952 Slalom-Gold vor Augen gehabt hatte, trainierte nach seiner Laufbahn nicht nur in Italien und Österreich, sondern auch in den USA. Er trimmte Karim Aga Khan auf seine Olympiateilnahme 1964 hin.

 

In den darauffolgenden Tagen schien Eberhard Riedel in Kienbaum besonders fürsorglich behandelt worden zu sein. Zulieferer und Gewerbetreibende stellten sich bei ihm ein und wünschten besonders den Alpinen Glück bei den anstehenden Spielen. Der Rückhalt der Menschen bestärkte ihn, bis zuletzt um den Leistungssport „Ski Alpin“ zu kämpfen. Unter diesem Aspekt ist auch die Auflehnung gegen den Funktionärswillen während der letzten Trainingswoche in St. Moritz zu betrachten. Dort trat Riedel vehement dafür ein, dass nicht nur er in Grenoble starten dürfe, sondern auch Ernst Scherzer. Denn auch dieser hätte die Qualifikationskriterien erreicht. Zwei Tage später wurde er informiert, dass sein Teamkollege mit der Journalistenmaschine direkt nach Frankreich fliegen würde. Offen bleibt die Frage nach dem Warum? Warum haben die Funktionäre nachgegeben? Weil danach ohnehin Schluss wäre mit dem Alpinen Skisport, also lassen wir ihnen halt die Freude? Oder weil sie sich tatsächlich darauf besonnen haben, einen Fehler auszumerzen?

 

Wie auch immer. Zwei Athleten im Rennen zu haben, um Verlorenes zu retten, ist besser, als einen einzigen zu besitzen. Kein Scherz, aber: Leider brach sich Scherzer noch vor der ersten Konkurrenz die Hand und konnte keinen einzigen Trainings- oder Wettkampfmeter fahren. Riedel war wieder auf sich alleine gestellt.

 

Unklar war, welche Resultate er hätte erreichen müssen, um seine Sportart als Leistungssport in der DDR zu erhalten und ob das überhaupt möglich gewesen wäre. „Ebs“ selbst ging davon aus, dass Platzierungen zwischen den Rängen eins und sechs reichen müssten; dies entsprach auch den Qualifikationskriterien des vorigen Winters in Hinblick auf die Spiele. Doch offiziell kommuniziert war dies nicht, und Manfred Ewald war programmiert auf Medaillen. Seine Streichliste, die 1969 Gesetzeskraft erhielt, beinhaltete nicht nur Ski Alpin, sondern auch den Modernen Fünfkampf, Basketball, Wasserball, Hockey und Eishockey. Diese Disziplinen verloren ihren Sport-1-Status und dies bedeutete auch, nicht zu finanziellen Mitteln – für Auslandsreisen beispielsweise – zu kommen.

 

In der Nacht vor dem Renntag fielen 30 cm Neuschnee vom Himmel. Und diese wurden nicht, wie es heute Standard wäre, aus der Strecke geschafft. Dies hatte zur Folge, dass sich in den Schwüngen Wände bildeten. Riedel erwischte einen optimalen oberen Teil und lag bei der Zwischenzeit an zweiter Stelle. Zwei Schwünge später wurde ihm eine dieser Wände zum Verhängnis. Er fuhr eine Kurve im Streckenabschnitt von „Les Grottes“ zu spitz an, direkt in die Wand – und stürzte. Die 2,23 m langen Ski verbogen sich, doch mehr als Schrammen am Material schmerzten die Qualen in seinem Geist. „Ebs“ lag an jenem 9. Februar 1968, fünf Tage vor seinem 30. Geburtstag, gegen 13 Uhr im Schnee von Grenoble und fühlte sich von der größten Niederlage seines Lebens erdrückt.

 

Stunden später begegnete er im Olympischen Dorf Ewald höchstpersönlich auf einer Treppe. Und musste sich sagen lassen: „Mach dir nichts draus, du bist ja der einzige gewesen, der gestürzt ist.“ Mit dieser Aussage erklärte ihm Ewald, dass die Entscheidung des DTSB, den Alpinen Rennsport aus der Förderung herauszunehmen, richtig war. Das, was sich der Sportführer der DDR gewünscht hatte, war eingetreten.

 

Eberhard „Ebs“ Riedel, der am 14. Februar 1938 geboren wurde, schrieb in seiner zusammen mit Sohn Peter (im Bild unten rechts) verfassten Biographie „Spuren des Erfolgs“ über den Alpinen Skilauf in der DDR und dessen Ausscheiden aus dem staatlich geförderten Programm vor exakt 50 Jahren. Obiger Text ist seinem Buch entnommen.
 

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