TRÄNEN DER FREUDE, DEMUT, DANKBARKEIT

Vor zwei Jahren war ich ein sportinteressierter; aber übergewichtiger Mann, der lieber auf die nächste Straßenbahn wartete als einen Schritt zu schnell zu gehen. Am Samstag, 7. Juli, bestritt ich meinen bislang härtesten Ultra in Zermatt.

Die letzten dreieinhalb Kilometer nehmen kein Ende. Sie beginnen flach bis leicht ansteigend und ich frage mich, wie denn bei diesem Layout noch 500 Höhenmeter zustande kommen sollen. Ich hebe den Blick, sehe ein Rampe, denke mir: kein Problem. Wieder geht es eher gemütlich dahin. Meine Frau wartet am Wegrand, sie war bei ihrer Bergwanderung bereits auf dem Gornergrat und spricht mir Mut zu. „Das wird jetzt noch ein bissl schwierig, aber bald ist’s geschafft!“ Es fehlen noch knapp zwei Kilometer, und „schwierig“ erweist sich als Hilfsausdruck. Es geht steil bergauf, 20 Meter eben, steil bergauf, 20 Meter eben, und - eh schon wissen – wieder steil bergauf. An der letzten Labestation 1600 m vor dem Ziel werden die Teilnehmer mit der „Ola“-Welle begrüßt. „Es ist nicht mehr weit“, sagen die freundlichen Helfer und Helferinnen. Wohl wahr. Aber zu diesem Zeitpunkt ist jeder Schritt zu viel.

Man kann von Zermatt halten, was man will: schwer zu erreichen, schwer verbaut, schwer in Ordnung. Stimmt alles. Zermatt bietet bei gutem Wetter einen grandiosen Blick auf das Matterhorn, wenn man auf Berge steht, ist allein diese Aussicht die Reise wert. Zermatt bietet einen Marathon, der in diesem Jahr zum 17. Mal ausgetragen wurde und bei dem 2700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei waren. Einen Ultra gibt es auch, 45,5 km lang, mit 2458 Höhenmetern. Dieser führt vom Marathon-Ziel am Riffelberg zum Gornergrat auf über 3000 m Seehöhe.

„Das schaffst du locker!“, hatte mir Martin vor einem Jahr geschmeichelt. Ich war ihm und Andrea beim Reschenseelauf begegnet. Das Duo betreute in Südtirol den Stand des Zermatt-Marathons mit viel Geschick. Ich weiß nicht, ob ich gut genug dafür bin, sagte ich ihnen. „Du hast von nun an ein Jahr lang Zeit zum Trainieren“, entgegneten sie. In diesem Zeitraum kann viel passieren. „Du kannst den Startplatz eventuell auch weitergeben.“ Jeder Einwand, den ich hatte, wurde mit guten Gegenargumenten gekontert. Ich hatte mich also Mitte Juli 2017 zu einem Lauf angemeldet, der am 7.7.2018 stattfand.

Und jetzt keuche ich mir die Seele aus dem Leib. Die letzten 1600 m nehmen kein Ende. Dennoch kommt der imposante Aufbau am Gornergrat näher. Ich springe über eine Wasserlache, während eine andere Läuferin durch diese durchstapft. „Jetzt ist auch schon egal, wenn ich nass werde“, sagt sie.

Ganz ehrlich: Von den ersten 20, 25 Kilometern war ich nicht sonderlich begeistert. Mag sein, dass ich Höhenmeter lieber in ihrer vollen Wucht oder gar nicht mag. Vom Startort St. Niklaus bis zur Halbmarathon-Marke Zermatt stieg die Straße um 600 Höhenmeter. Mal steil, mal ansteigend, mal gar nicht. Ich lief jene Kilometerzeiten, die ich mir vorgestellt hatte, Freude kam wenig auf. Erst nach Sunnega, als das Terrain hochalpin wurde und die Asphalt-, Forst-, oder Schotter-Straßen überwiegend den Trails wichen, war ich glücklich, hier sein zu dürfen. Einige kurze Unterhaltungen mit anderen Läufern sorgten für Kurzweil, die Kilometer verflogen zwar nicht, aber sie wurden immer weniger.

Wäre ich doch beim Marathonziel abgebogen, und hätte ich mir die letzten Kilometer geschenkt… Dieser Gedanke, ganz ehrlich, kommt mir nicht in den Sinn. Ich will den Ultra laufen. Also realisiere jetzt, was du dir vorgenommen hast: Schritt für Schritt, immer vorwärts, immer aufwärts. Die Stimme des Moderators wird immer deutlicher, er begrüßt jeden einzelnen Finisher. Das Ziel ist in Sichtweite – und doch noch so weit entfernt. Auf der Brücke, die über die Eisenbahnschienen führt, werde ich von meinen Gefühlen überwältigt. Fünfzehn Meter vor der Ziellinie werden meine Augen nass. Als mir die Finisher-Medaille umgehängt wird, breche ich in Tränen aus. Es sind Tränen der Freude, der Demut, der Dankbarkeit.

Ich benötigte 7:50:03 Stunden, doch die Zeit ist für mich irrelevant.

Der Gornergrat steht sinnbildlich für alles, was ich in den letzten 20 Monaten als Läufer gemacht, erreicht und gelernt habe. Sogar das Ernährungskonzept, das beim Schwarzach Trail und beim Stelvio Marathon defizitär war, hat besser geklappt (auch wenn mich Magenkrämpfe geplagt haben). Auf der Fahrt ins Tal plaudere ich mit einem Ehepaar aus Deutschland, das zum siebten, achten Mal in Zermatt schon dabei war. Wir reden über Glücksmomente, und ich realisiere einmal mehr, wie sehr der Ansatz von Ultra-Radsportler Christoph Strasser stimmt, wenn er sinngemäß sagt: Der punktuelle Moment, das Race Across America als Sieger zu beenden, ist nichts anderes als die Bestätigung des permanenten Weges dorthin.

Ich sitze auf der Toilette am Gornergrat, flenne leise vor mich hin und bin einfach nur glücklich. Die letzten Monate passieren im Zeitraffer meine Gedanken. So viel hat sich getan, so sehr habe ich mich verändert. Dann wische ich mir die letzte Träne aus dem Gesicht und trete wieder ins Freie, sauge hochalpine Eindrücke auf. Am Gornergrat blicke ich auf knapp 30 Viertausender, aber noch viel wichtiger - ich blicke meiner Zukunft entgegen.

Denn der Zermatt Ultra-Marathon wird nicht mein End-, sondern viel eher Ausgangspunkt gewesen sein.

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