DOCH DAS IOC SAGTE NEIN

„European Championships“ heißt also eine neue Multi-Sport-Eventserie, die dieser Tage in Glasgow und Berlin ausgetragen wird. In Schottland werden Europameister im Schwimmen, Radsport, Rudern, Triathlon, Golf und Turnen gesucht, in Deutschland jene in der Leichtathletik. „European Games“, die unter der Ägide des Europäischen Olympischen Komitees stehen, sind es keine, aber der Schritt dorthin ist nur ein kleiner, und die Ziele sind dieselben: aufgrund von zeitlicher und räumlicher Bündelung von Events höheres Medieninteresse generieren, TV-Rechte teurer verkaufen und finanzkräftigere Sponsoren anlocken zu können.

Je größer sie sind, umso schwerer haben es Multi-Sport-Events. Das Internationale Olympische Komitee sieht sich regelmäßig mit Volksabstimmungen konfrontiert, die Bewerbungen für Olympische Spiele zu Fall bringen. Der neue Kurs der „Agenda 2020“ mag vielleicht eingeschlagen sein, durchgedrungen bis zur Basis ist er aber anscheinend immer noch nicht. Zu dominant steht der All-in-Betrag von 50 Milliarden Dollar im Raum, den Russland für die Organisation der Winterspiele 2014 ausgegeben hat.

Rund zwei Monate zuvor war in der norditalienischen Provinz Trentino die Winter-Universiade abgehalten worden. Im Dezember 2013 hatten Sportler und Sportlerinnen in 66 Wettbewerben in elf Sportarten ihre Besten gesucht. Die Veranstaltung kam ohne Athletendorf aus, genächtigt wurde in Hotels, ein pompöses Rahmenprogramm fehlte ebenfalls. Zwei Jahre später veröffentlichten Filippo Bazzanella und ich ein Buch, das heute noch Relevanz hat. „Must Have. Nice to Have: How to establish big sport events on a human scale again” (in englischer Sprache) zeigt Wege auf, um Sportveranstaltungen attraktiver, aber nicht teurer zu machen.

Gleichzeitig trug ich mich mit dem Gedanken, einer sport-affinen Stadt ein neues Programm vorzulegen und anzubieten, dieses auch umzusetzen: die Ausrichtung von rund über das Jahr verteilte 12-15 Weltmeisterschaften in Olympischen Sommer-Sportarten. Beispielsweise: Tischtennis Ende Mai, Taekwondo im Juni, Fechten Mitte Juli, Badminton Ende Juli, Ringen Mitte August, Judo Ende August, Boxen in der ersten, Kanu und Rudern in der zweiten Septemberhälfte, Gewichtheben Ende November. Meine Idee war, die erste WM mit einer allgemeinen Eröffnungsfeier mit Repräsentanten aller involvierten Sportarten zu beginnen und nach der letzten WM eine Schlusszeremonie durchzuführen. Wiedererkennungswert der Weltmeisterschaften wären durch gemeinsamen „Look and Feel“ der Sportstätten, identischen Abläufen von Siegerehrungen und ähnlichen Medaillen gegeben gewesen. Einsparungspotenziale lagen u. a. in der Zahl, Schulung und Uniformen der freiwilligen Helfer – viele von diesen wären nicht für eine, sondern wohl für mehrere Events zur Verfügung gestanden -, bei den Wettkampfstätten, die für verschiedene Sportarten adaptiert hätten werden können, beim Organisationskomitee selbst: Dieses hätte aus einem inneren, gleichbleibenden Kern bestanden, reihum ergänzt von den Experten der einzelnen Disziplinen.

Mir war bewusst, dass ein solcher Plan nicht von heute auf morgen umsetzbar gewesen wäre. Die nationalen Sportverbände hätten sich beim jeweiligen Internationalen Verband für die Weltmeisterschaften bewerben müssen und hätten vielleicht oder vielleicht auch nicht den Zuschlag erhalten. Förderungen von den Institutionen wären wohl zustande gekommen, aufgrund der Zahl der Events aber nicht in ausreichendem Maße, um die Gesamt-Veranstaltung abzudecken. Dies wiederum hätte geheißen, mit Sponsoren und Verkauf von TV-Rechten das „WM-Jahr“ zu finanzieren.

Vor mir lag eine Sisyphos-Arbeit, doch ich hatte bereits erste Kontakte geknüpft und potenziell aufgeschlossene Gesprächspartner gefunden. „Lass die Idee mit dem Internationalen Olympischen Komitee abgleichen“, dachte ich mir. „Nicht, dass von ganz oben ein Riegel vorgeschoben wird, wenn man auf halbem Weg ist.“

Das IOC war dagegen.

„Wir würden den Internationalen Sportverbänden empfehlen, diese Initiative nicht mitzutragen“, sagte mir ein hoher IOC-Vertreter, und erzählte weiter, dass man sich selbst auch schon mit den Gedanken beschäftigt habe, Olympische Spiele über mehrere Wochen und Monate verteilt zu organisieren. „Letztlich kommt es aber den Ausrichtern nicht billiger, und die Wirksamkeit in der Öffentlichkeit ist geringer.“

Die Idee von Marius Vizer, der 2013 als damaliger SportAccord-Präsident die „United World Championships“ für alle Olympischen und nicht-Olympischen Sportarten installieren wollte, war prophetisch innovativ, eventuell aber überdimensioniert gedacht. Doch auch mein, nicht auf ein ganzes Land sondern auf eine Stadt fokussierter Plan stieß auf keine Gegenliebe. Meine Idee war somit zu Grabe getragen, bevor sie das Licht der Welt erblickte. Ich wandte mich anderen Projekten zu.

Nun laufen die „European Championships“ als, sagen wir: indirekte Konkurrenz zu den „European Games.“ Wer weiß, vielleicht entsteht früher oder später doch ein neuer globaler Multi-Sport-Event, der sich zu den Olympischen Spielen gesellt und der nicht nur das Interesse, sondern auch die Unterstützung der Basis genießt.

Hier weiterlesen: Must Have. Nice to Have.

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