EIN BUCH ÜBER FREIHEIT UND WERTE. UND KLETTERN.

Jacopo Larcher ist ein sympathischer junger Mann, und er kommt aus der gleichen Stadt wie auch ich, aus Bozen in Südtirol. Er hat seine ersten Kletter-Erfahrungen in einer Sporthalle gemacht, neben der ich quasi aufgewachsen bin. Jahrzehnte später kreuzen sich unsere Wege, ich bin stolzer Verleger seines Buches "Das Unmögliche ist etwas weiter oben".

Jacopo Larcher (l.), Egon Theiner (Bild: egoth/Jeanette-Lou C. McCarthy Holloway)

Er kommt in Wien an und ist mitgenommen von den Erlebnissen und Strapazen des Tages zuvor. Am Montag, 14. September, befindet er sich mit seiner Lebensgefährtin und Kletterpartnerin Babsi Zangerl in der Eiger-Nordwand, sie arbeiten dort an einem Film für Servus TV. Es ist ein schöner Tag, der vielleicht letzte am Eiger in diesem Jahr, es ist frisch, eher kalt, und die Zahl der Menschen ist sehr überschaubar. 24 Stunden später steht der Kletterer in Wien Mitte bei rund 30 Grad Celsius im Schatten und blickt auf Menschen, Menschen, Menschen. „Wohler fühle ich mich in der Natur, auf einer einsamen Route“, sagt er. Vor Menschen sprechen mag er auch nicht wirklich, es ist eine größere Herausforderung als jene, der er sich in den Klettergebieten dieser Welt erfolgreich stellt.

Jacopo Larcher ist ein Spezialist der TRAD-Kletterei, des traditionellen Kletterns. Seine Sicherungen sind nicht die klassischen fixen, wie beispielsweise ein Bohrhaken, sondern flexible, wie „Friends“ oder „Nuts“, Arten von Klemmkeilen oder –geräten, die in Risse gelegt und die danach wieder entfernt werden können. Will heißen: Diese Arten der Sicherungen bieten nicht soviel Sicherheit wie andere Möglichkeiten.

Nun sitzt er da, im Thalia W3, und referiert über sein Buch. „Das Unmögliche ist etwas weiter oben“ ist die wunderbare Erzählung eines Jungen aus meiner Nachbarschaft, der von den Eltern inspiriert wurde, in die Natur zu gehen, der in Kletterhallen groß wurde und es bei Wettbewerben zur Meisterschaft brachte, der sich weiterentwickelte und auf Expeditionen ging, auf Reunion, in den Yosemite Park, nach Sibirien, nach Cadarese in Norditalien. Gerade dort, im Piemont, hat er sich an einem unscheinbaren Felsen abgemüht, für eine Route, die er sechs Jahre (!) lang studierte, probierte, an der er immer wieder scheiterte und sie letzten Endes doch durchsteigen konnte. Larcher nannte sie „Tribe“, als Hommage für die Kletter-Community, in der er groß geworden ist und in der er sich wohl fühlt. Einen Schwierigkeitsgrad hat er nicht vergeben, viele sagen, dass es die schwerste TRAD-Route der Welt ist, er zuckt mit den Achseln. „Diese Route ist viel mehr als nur eine Zahl.“

So geht es im Unmöglichen, das etwas weiter oben ist, nicht nur um Klettern, sondern um so viel mehr: um die Bewertung dessen, was man tut. Um den Willen, sich nicht mit einem erreichten Niveau zufrieden zu geben, sondern immer weiter lernen und wachsen zu wollen. Um die Freiheit eines jeden Einzelnen und die Freiheit des/der anderen. Um Liebe, Einsamkeit, Zusammengehörigkeit.

Jacopo Larcher hat 38.000 Follower auf Instagram und knapp 20.000 auf Facebook und spricht fast schüchtern darüber, dass er nicht als Vorbild oder Idol gesehen werden möchte. Er ist ein Star der Kletterszene, er baut Routen, er ist Abenteurer und Kosmopolit. Sage ich. Seine Selbstdefinition ist indes einfach wie ein Riss, an dem er dem Unmöglichen entgegenstrebt.„Ich bin nur ein Kletterer. Einer, der das machen darf, was er will.“

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